Lady in Red

Das Mäd­chen von Qara­til. Wie alle Por­traits an die­sem Tag ent­stand auch die­ses mit einer Canon 30D und mei­nem bewähr­ten EF 1.8/50 (die frü­he Ver­si­on mit Metall­ba­jo­nett, wie sie gera­de wie­der von Canon als STM neu auf­ge­legt wur­de).

Ges­tern abend habe ich, was ich nur noch sel­ten tue, einen Spät­film ange­se­hen. In der Rei­he »Som­mer­ki­no im Ers­ten« wur­de »Eye in the Sky« von Gavin Hood aus dem Jahr 2015 gezeigt, unter ande­rem mit Aaron Paul und Helen Mir­ren. Es geht um den Droh­nen­krieg, geziel­te Tötun­gen und die Fra­ge, was an soge­nann­ten Kol­la­te­ral­schä­den »akzep­ta­bel« ist, um zum Bei­spiel ter­ro­ris­ti­sche Anschlä­ge zu ver­hin­dern. Die Hand­lung spielt größ­ten­teils in Kenia.

Alia Mo’Al­lim, gespielt von Aischa Takow. (Screen­shot)

Als das ers­te Mal die klei­ne Alia ins Bild kam, wan­der­ten mei­ne Gedan­ken sofort in ein ganz ande­res Land. Ich muss­te an ein Mäd­chen im etwa glei­chen Alter den­ken, das ich vor Jah­ren im Jemen foto­gra­fiert hat­te. Mit sei­ner eben­falls roten Aba­ya schien mir Alia wie ein Zwil­ling des Mäd­chens aus dem Dorf Qara­til nord­west­lich von Sanaa, der jeme­ni­ti­schen Haupt­stadt.

Die Anwe­sen­heit west­li­cher Besu­cher sprach sich in Win­des­ei­le her­um, und nach kur­zer Zeit fand sich neben eini­gen Älte­ren und Jugend­li­chen auch die gan­ze Kin­der­schar des Dor­fes ein. Ich habe sie, den­ke ich, alle foto­gra­fiert. Mal ein­zeln, mal in Grup­pen, mal mit der bes­ten Freun­din oder dem bes­ten Freund, mal Enkel und Groß­va­ter. Sie genos­sen es und ich auch. Wir konn­ten uns zwar nicht unter­hal­ten, aber wir ver­stan­den uns auch so.

Dabei konn­ten sie nicht mal davon aus­ge­hen, die Bil­der jemals selbst zu sehen. Aber das spiel­te kei­ne Rol­le. In dem Moment waren sie bedeut­sam.

Es sind eini­ge Por­traits die­ser wun­der­ba­ren, stol­zen und gast­freund­li­chen Men­schen ent­stan­den, die ich in aller Beschei­den­heit für vor­zeig­bar hal­te. Aber die »Lady in Red« war schon beson­ders – ihr ruhi­ger, erns­ter und zugleich ent­spann­ter und freund­li­cher Blick, die auf­rech­te Hal­tung. Sie schien in sich selbst zu ruhen. Kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit in einem Land, in dem Mäd­chen und Frau­en nicht viel gel­ten.

Dass Wür­de kei­ne Fra­ge des Ein­kom­mens oder sozia­len Sta­tus ist, dar­an wur­de ich bei die­ser Rei­se noch öfter erin­nert.

Damals war der bru­ta­le Krieg der von Sau­di­ara­bi­en geführ­ten und von den USA unter­stütz­ten Koali­ti­on gegen die­ses bit­ter­ar­me Land noch weit weg. Der schmut­zi­ge Krieg im Gehei­men unter ande­rem gegen Al Kai­da fand aber schon statt, ganz sicher auch mit Droh­nen­an­grif­fen.

»Eye in the Sky« hät­te statt in Kenia eben­so gut im Jemen spie­len kön­nen.

Ich habe oft an die Kin­der von Qara­til gedacht und hoff­te, dass es ihnen gut­ge­hen möge. Aber sicher war ich nicht. Dort auf­zu­wach­sen ist hart. Und dann kam sie­ben Jah­re spä­ter der Krieg, der immer noch andau­ert. Und wie immer, sind die Kin­der die schutz­lo­ses­ten und ers­ten Opfer.

Nicht nur im Kino.


Ab und zu ver­öf­fent­li­che ich eines mei­ner Bil­der an die­ser Stel­le. Und erzäh­le etwas dazu, was mir wich­tig erscheint. Es wer­den nicht immer die Fotos sein, die online am popu­lärs­ten waren oder sind. Es kön­nen Scans von Bil­dern auf Film oder digi­ta­le Shots sein. Wie auch immer. Wer mag, kann sich ger­ne dazu äußern. Kom­men­ta­re sind will­kom­men.

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